"Kultstätten (3)"

Das Werner-Ott-Open – ehemals Kreuzberg Open, jetzt nach dem verstorbenen Ehrenvorsitzenden des SC Kreuzberg benannt – ging letzten Sonntag zu Ende. Fünf Mitglieder der „Weissen Dame“ nahmen – es wurde bereits berichtet – an dem Open teil.


Autor: Gregor Strick


Kultstätten (3)
 
von Gregor Strick
 
 
Das Werner-Ott-Open – ehemals Kreuzberg Open, jetzt nach dem verstorbenen Ehrenvorsitzenden des SC Kreuzberg benannt – ging letzten Sonntag zu Ende. Turniersieger ist, wie schon 2010, René Stern. Das Feld war noch stärker als gewohnt. Es umfasste 103 Spielerinnen und Spieler, wurde von acht Titelträgern angeführt und durch viele zugereiste Schachfreunde bereichert, nicht zuletzt durch eine Gruppe von Schweden. Zugleich weihte der SC Kreuzberg mit diesem Turnier seine Spielstätte, das schön renovierte „Haus des Sports“, offiziell ein.
 
Fünf Mitglieder der „Weissen Dame“ nahmen – es wurde bereits berichtet – an dem Open teil. Die Platzierungen entsprechen mehr oder weniger den Erwartungen: Achim landete mit 6 Punkten aus neun Runden auf Platz 14, Thomas mit 5.5 auf Platz 27, Björn und ich mit jeweils 3.5 Zählern auf den Plätzen 74 und 72 und Heinrich mit 2.5 Punkten auf Platz 91. Thomas darf zu einem Ratingpreis gratuliert werden. Lobenswert fanden wir alle die Organisation und den Service, auch die freundliche Atmosphäre des Turniers.
 
Für Achim war das Open eine willkommene Gelegenheit, in der Sommerpause etwas Spielpraxis zu sammeln. Die Art und Weise, in der René Stern auch sehr starke Gegner bezwang, beeindruckte ihn. Von seinen eigenen Partien hält er die gegen GM Rabiega und die gegen GM Kalinitschew für besonders interessant. Jeweils zwischen dem 30. und 40. Zug hatte er Chancen, den weiteren Verlauf ausgeglichen zu gestalten, nutzte sie aber nicht. Mit seiner Platzierung ist er nicht ganz zufrieden. Schade fand er, dass man durch die vor drei Jahren gekürzte Bedenkzeit nur selten Gelegenheit zum Kiebitzen hat.
 
Thomas gefiel, dass man die Spielkunst mehrerer Großmeister, Internationaler Meister und Meister live bewundern und deren Analysen lauschen konnte, was in Berlin nicht alle Tage möglich ist. Kurios wirkte auf ihn die fortgesetzte Missbilligung eines GMs, der einen schwächelnden, von ihm besiegten Spieler über mehrere Runden beobachtete, offenbar aus Sorge um seine Buchholzwertung. Gegen zwei Schweden verlor Thomas ebenso viele Punkte, genoß aber die gemeinsamen Analysen. Einige Jugendliche, die voller Begeisterung und sehr kampfstark spielten und auch diverse Senioren, die den Kampf suchten und keine Gefangenen machten, imponierten ihm. Thomas’ Fazit: Er ist angenehm erschöpft und sehr zufrieden und spielt nächstes Jahr auf jeden Fall wieder mit, da man in Kreuzberg sein Schachverständnis bestens vertiefen kann.
 
Björn freute sich, dass er den ersten „2000er-Skalp“ seiner Karriere ergattern konnte, dass es nicht zu heiß gewesen war und dass er einige lehrreiche Partien gespielt hat. Gerne wäre er – wie auch ich – der 50%-Marke von 4.5 Punkten näher gekommen. Doch gegen Ende hin verließ ihn der Erfolg, wenn auch nicht das Glück, wie er meint. Zwischen Björn und mir flammte angesichts unserer durchwachsenen Leistungen öfter die Diskussion auf, ob man ein Turnier zum Lernen oder zum Punktemachen nutzen sollte, wobei ich der Advokat des Punktens, er der des Lernens war. Der missliche Hintergrund unserer Überlegungen: das Meiste lernt man aus verlorenen Spielen. Aber natürlich spielt man keine Turniere, um zu verlieren. Knifflig! Jedenfalls, Björn kann sich vorstellen, beim nächsten Werner-Ott-Open wieder mit von der Partie zu sein.
 
Ich konnte das Schachspiel so erleben, wie ich es am liebsten habe: als Abenteuer. Der Großteil meiner Partien – auch die verlorenen – war sehr spannend. „Ein echter Krimi“, wie einer meiner Gegner seufzte, nachdem er mich im 83. Zug endlich niedergerungen hatte. Davon abgesehen gewann ich wichtige Einsichten in Repertoireprobleme und spielerische Schwächen (also doch „Lernen“?!). In diesem Zusammenhang danke ich vor allem Thomas, nicht für den entzogenen Punkt, sondern für eine lange und aufschlussreiche Partiebesprechung. Dass ich beim nächsten Mal mitspiele, ist keine Frage, weil ich seit 2009, meiner ersten Teilnahme, ein Fan des Kreuzberger Sommerturniers bin.
 
Nach längerer Turnier-Abstinenz nutzte Heinrich das Kreuzberger Open, um wieder in Schwung zu kommen. Von seinem Ergebnis ist er enttäuscht und mokiert sich über die Geschenke, die er den Gegnern gemacht habe. Zwar stand er mehrfach klar auf Gewinn, hatte aber nicht die Geduld, den Sieg schrittweise zu erarbeiten, sondern blieb zu sehr aufs Mattsetzen fixiert. Tröstlich ist vielleicht, so könnte man hier anmerken, dass diese Attitüde recht weit verbreitet ist. Wie auch immer: Heinrich meint, dass die „Weisse Dame“ mit ihren fünf Spielern in jeder Klasse gut vertreten war.
 
Also dann bis nächstes Jahr, Kreuzberg!


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